Olten und Christian Wohlwend – gefangen in einem Theaterstück
Ach, Olten war, ist und bleibt «Hockeytown». Auch wenn es nicht mehr für die höchste Liga reicht und ziemlich sicher nicht einmal mehr zu einem Titel in der zweithöchsten. Aber Hockey ist tief verwurzelt in der Kultur dieser Stadt. Was sich schon daran zeigt, dass Herbert Schibler, der langjährige Kult-Geschäftsführer des Stadttheaters, ein leidenschaftlicher Anhänger des EHC Olten ist.
Eine Szene, wie von den Hockey-Göttern organisiert und die Herbert Schibler womöglich zu einem Theaterstück inspiriert hätte: Die Oltner haben soeben Winterthur mit 7:4 vom Eis gefegt. Trainer Christian Wohlwend (49) pflegt Chronisten zur Nachbesprechung in die Trainergarderobe zu bitten. Erreichbar über eine Treppe in der Kabine. Es ist halt ein wenig eng im Kleinholz. Es heisst ja nicht Grossholz.
Christian Wohlwend ist nicht allein in seinem Büro. Mehrere Mitglieder seines Coaching-Teams und des Büropersonals sind auch da. Eigentlich wollte der Chronist vertraulich wie unter Pfarrerstöchtern über die Möglichkeit einer Rückkehr auf die höchste Bühne reden. Es gibt möglicherweise passende Trainerstellen. Zum Beispiel in Ambri. Es interessiert ihn, ob er eventuell schon erste Gespräche mit Ambris «Hosentelefon-Sportchef» Lars Weibel geführt hat.
Aber das geht nicht. Denn es würde sich ja hier anhören wie Verrat. Wenn je einer in einem Dilemma war, dann Christian Wohlwend in dieser Situation. Weil der Chronist wie immer in heiklen Situationen Rücksicht nimmt, bleibt es bei einer lockeren Plauderei über Olten und die Swiss League. Christian Wohlwend spricht fast mit Engelszungen über «sein» Olten, den Ort seiner Bestimmung.
Christian Wohlwends Dilemma erinnert an das Stück «Ein Volksfeind» von Henrik Ibsen, dem Vater des modernen Dramas. Dort besitzt Doktor Stockmann eine Wahrheit, die eigentlich gesagt werden müsste, die ihn aber politisch und sozial isoliert, sobald er sie ausspricht.
Ähnlich verhält es sich mit den Ambitionen von Wohlwend. Der Wunsch nach einer Rückkehr in die höchste Liga, wo er früher schon mal war (Davos, Ajoie), ist legitim. Eigentlich selbstverständlich. Doch offen ausgesprochen wirkt er wie eine Kampfansage an die Gegenwart: als hätte man innerlich bereits Abschied genommen von der Stadt mit den drei Tannen. Also bleibt der Ehrgeiz unausgesprochen. Nicht aus Unehrlichkeit, sondern aus Klugheit.
So lebt Oltens flamboyanter Trainer im «Dazwischen». Erfolgreich genug, um die Chancen auf einen Job ganz oben offenzuhalten. Loyal genug, um in Olten nicht zum Fremdkörper zu werden. Das eigentliche Drama ist nicht der Wille nach oben. Es ist die Notwendigkeit, ihn zu haben und zugleich zu verbergen. Obwohl es eine wunderbare Geschichte ist: Wir wollen das Thema nicht weiter vertiefen, nicht zu sehr abschweifen, das Theater wieder verlassen und beim Hockey bleiben.
Der EHC Olten hat ja noch andere Sorgen neben dem Eis. Sportchef Thomas Roost ist des Amtes enthoben worden. Juristisch ist es keine Entlassung. Er hatte lediglich ein Mandat, das jederzeit aufgelöst werden kann. Plus einen Sitz im Verwaltungsrat. Der freundliche, hochqualifizierte internationale Hockeykenner bittet den Chronisten zuerst um ein paar Tage Zeit, bevor er über die Hintergründe sprechen könne. Und dann nach Ablauf dieser «Karenzfrist» noch einmal um ein paar Tage Geduld.
Was ist los? Ein Mandat ist doch nicht so schwierig zu beenden. Oder? Es geht, wie Gewährsleute bestätigen, ums Geld. Aber hatte Thomas Roost bei der Aufnahme seiner Arbeit in Olten nicht sinngemäss erklärt, es gehe ihm gerade bei diesem Engagement nicht ums Geld? Sondern um die Liebe zum Hockey und Olten? Wie kommt es dann, dass es nun doch Streit um Geld gibt? Weil es ist wie im richtigen Leben: Eine Ehe beginnt auch aus Liebe zur Sache und bei der Scheidung geht es ums Geld.
Im kleinen Kreis hat Präsident Marc Thommen eine interessante Idee vorgebracht: Man könnte doch Thomas Roost auch nach der Auflösung seines Mandates und dem Engagement eines neuen Sportchefs im Verwaltungsrat belassen und so weiterhin von seinem immensen Hockeywissen profitieren.
Mögen die Hockeygötter diese Idee segnen und Wirklichkeit werden lassen: Der EHC Olten hätte dann als erster Klub in der Swiss League das schon fast legendäre SCB-Erfolgsmodell mit einem Ober- und Untersportchef übernommen. Die Chronisten des Oltner Tagblattes würden vor Freude auf den Tischen tanzen.
Christian Wohlwend steht also weiterhin an der Bande und schaut nach oben. Nicht nur auf die Matchuhr. Sondern auch Richtung National League. Ehrgeiz ist – wie es sich im Profisport gehört – sein Motor. Doch er darf leise nur auf Standgas laufen. Denn wenn er in Olten zu offen zeigt, dass er weiterziehen möchte, verliert er schnell das, was im Moment wichtiger ist als jede Vision: Den Rückhalt derer, die heute für ihn arbeiten.
So ist das Hockeyleben in Olten zwischen den Welten der National League und der Swiss League. Kein anderer Klub hat ein so spezielles Verhältnis zu seinem fordernden Umfeld und seinen treuen, leidenschaftlichen Fans. Nach höherem Ruhme strebend, aber gefangen in einer finanziellen Wirklichkeit, die es einfach nicht zulässt, nach diesem Ruhme zu streben. Um es etwas blumig zu sagen: Der EHC Olten ist wie ein Mann, der einfach zu wenig verdient, um seiner anspruchsvollen Ehefrau Einkaufstouren durch die Edelboutiquen zu finanzieren. Es reicht allerhöchstens für eine Gusti-Leder-Handtasche aus dem Outlet-Store. Aber solange der Traum von einer Prada lebt, bleibt sie ihm treu.
Der EHC Olten muss also gar nicht aufsteigen. Es reicht, den Traum von einem Aufstieg lebendig zu halten und für gute Unterhaltung zu sorgen. Würde man die Aufstiegshoffnungen aufgeben, bliebe nur Leere. Der Traum muss weiterleben, weil er Sinn stiftet. Deshalb können die Oltner nicht aus Spargründen auf Ausländer verzichten und erst recht nicht freiwillig in die MyHockey League absteigen.
P.S. Präsident Marc Thommen und seine Männerrunde müssen jedes Jahr mindestens eine halbe Million Verlust abdecken. Hier ein Vorschlag, wie viel Geld gespart und die monetäre Not ein wenig gelindert werden kann: Lieber Marc, lasse den Sportchef – wenn Du dann wieder einen hast – einen Monat lang ein minutiöses Arbeitsprotokoll erstellen. Mit allen Telefonanrufen, Besprechungen und sonstigen Aktivitäten und Besorgungen. Wenn Du am Ende des Monats dieses Protokoll studierst, wirst Du Dich fragen: Was macht unser Sportchef eigentlich hauptberuflich? Und auf einen Sportchef verzichten, der dich alles in allem, mit Hosentelefon-Abo und Klub-Auto, wohl gut 200'000 Franken kostet. Ein Trainer wie Christian Wohlwend kennt alle Spieler und ist dazu in der Lage, entsprechende Transfer-Vorschläge zu machen. Dein Geschäftsführer kann die Verträge aushandeln. Nüt für Unguet.
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